„Klartext und Anpacken auf dem zirkulären Transformationsweg in der Elektronikbranche“ 3. Treffen am 03.03.2026 bei der REMONDIS Electrorecycling GmbH in Lünen
Lünen, 03.03.2026
Was passiert mit Elektronik an ihrem Lebensende?
Diese Frage war Thema für das 3. Treffen des Dialogformats „Klartext und Anpacken auf dem zirkulären Transformationsweg in der Elektronikbranche“ am 03. März 2026 bei der REMONDIS Electrorecycling GmbH in Lünen.
v.l. Dr. Ewa Harlacz, INZIN e.V.; Daniel McNamara, FEH NRW - Fachverband Elektro- und Informationstechnische Handwerke NRW; Thorsten Figge, Lobbe Holding GmbH & Co KG; Michael Köster, Miele & Cie. KG; Nora Schneider, MUNV NRW; Dr. Sa-scha Dargazanli, MUNV NRW; Katja Kirschner, Kunststoffland NRW; Prof. Dr. Martin Faulstich, INZIN e.V. ; Ulrike Künnemann, InnoZent OWL e.V.; Tim Wilms, REMONDIS Electrorecycling GmbH; Astrid Burschel, WAGO GmbH & Co. KG; Astrid Bayer, Vorwerk SE & Co. KG; Cornelius Laaser, MUNV NRW; Dr. Ron Brinitzer, Kunststoffland NRW; Julia Dornwald, ZVEI Landesstelle NRW; Dr. Jens Giegerich, Vorwerk Elektrowerke GmbH & Co. KG; Martin Szilinski, MENNEKES Elektrotechnik GmbH & Co. KG
Bild: REMONDIS
Geschäftsführer Tim Wilms führte durch das REMONDIS Lippewerk, Europas größtes Zentrum für industrielles Recycling mit einer Fläche von 230 ha und ca. 1.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das Lippewerk ist gleichzeitig Paradebeispiel für einen gelungenen Strukturwandel. Während sich noch in den 1980er Jahren ein Aluminiumwerk auf dem Gelände befand, werden hier heute verschiedenste Wertstoffe zurückgewonnen und hochwertige Recyclingrohstoffe produziert. Die Gebäude sowie einige Anlagenteile aus der damaligen Zeit sind überwiegend erhalten geblieben. Somit hat sich das Werk in gewisser Weise selbst recycelt.
Täglich wird das Lippewerk von rund 900-1.000 Lkw angefahren. Das angelieferte Material durchläuft im Zuge einer Kaskadennutzung mitunter mehrere Bereiche. Sämtliche Aktivitäten im Lippewerk verfolgen das Ziel, Rohstoffe zu erhalten. Einem jährlichen Input von rund 1,6 Mio. t Reststoffen steht ein Output von rund 1,0 Mio. t Rohstoffen gegenüber sowie die Erzeugung von rund 770.000 MWh Energie pro Jahr.
Für das Kunststoffrecycling werden in den Anlagen pro Jahr mehr als 25.000 Tonnen Plastikprodukte – zum Beispiel Kanister, Fässer, Flaschen, Rohre, Eimer sowie Produktionsausschuss und Formteile aufbereitet. Daraus werden reine, hochwertige Granulate erzeugt, die maßgefertigt compoundiert und wieder als industrieller Rohstoff dienen können. In die Rubrik der Elektro- bzw. Elektronikaltgeräte fällt, was einen Stecker oder eine Batterie hat und am Ende seines Produktlebens angekommen ist. In großen Mengen handelt es sich dabei um Kühlgeräte. Hier werden im Rückbauzentrum über 30.000 Tonnen Material zerlegt. Dabei werden die Kühlschränke zunächst umweltgerecht von Schadstoffen befreit und dann aufbereitet. Dafür ist neben modernsten technischen Verfahren wie Infrarot und Magnetabscheidung auch Handarbeit gefragt. Am Ende des mehrstufigen Prozesses aus Zerlegen, Zerkleinern, Schreddern und Separieren steht die Rückgewinnung reiner Recyclingrohstoffe.
Nahezu alles, was den Zerlegungsprozesse durchläuft, wird am Ende aufbereitet und das in einer beeindruckenden Vielfalt. Dutzende verschiedene Unterfraktionen gehen aus den Recyclingprozessen hervor. Darunter geschredderte Buntmetalle wie Kupfer und Aluminium, die direkt wieder der Verwendung in Hütten zugeführt werden. Jährlich können so 22.400 t Eisen und Nichteisenmetalle sowie Kunststoffe und weitere Fraktionen in den Stoffkreislauf zurückgeführt werden. Nur einige wenige Elemente wie Kondensatoren oder separierte Kälte- und Treibmittel sind nicht verwertbar und kommen dementsprechend in die Sonderstoffverbrennung. Dabei handelt es sich jedoch nur um einen Bruchteil des angelieferten Materials.
Nach der Führung ging es in den gemeinsamen Austausch. Cornelius Laaser und Nora Schneider vom Umweltministerium NRW gaben einen Einblick in den aktuellen Stand der Gesetzgebung auf Bundes- und EU-Ebene. Das Ökodesign- Gesetz des Bundes setzt die EU-Ökodesign-Vorgaben in deutsches Recht um. Es gilt für physische Produkte & Komponenten und übernimmt zentrale Ökodesign-Anforderungen (Energie- und Ressourceneffizienz, Haltbarkeit und Reparierbarkeit etc.). Dabei ist die Elektronikbranche nicht speziell geregelt, es gelten die allgemeinen Ökodesign-Vorgaben.
Damit verbunden ist der Circular Economy Act der EU. Dessen Ziel ist die Etablierung einer Circular Economy z.B. durch bessere Marktbedingungen und gesetzliche Rahmenbedingungen. Mögliche Ansatzpunkte sind die Harmonisierung von End-of-Waste-Kriterien, Reformen der Herstellerverantwortung, Vorgaben zur stofflichen Nutzung und Rückführung von Materialien, Maßnahmen zur Anerkennung von Rezyklaten im Binnenmarkt und eine Überarbeitung des Critical Raw Materials Acts (CRMA).
Frisch veröffentlicht im Januar 2026 ist der EU-Aktionsplans „RESourceEU“, eine Reaktion auf hohe EU-Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen (z. B. Lithium, seltene Erden, Kobalt) und geopolitische Risiken. Ziel ist der Aufbau von resilienten Lieferketten durch mehr Gewinnung, Verarbeitung und Recycling von Rohstoffen in der EU sowie geringere Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten.
Wichtige Änderungen bzw. Verschärfungen gibt es auch beim Critical Raw Materials Act, so u.a. eine erweiterte Lieferketten-Risikoanalysen für große Unternehmen (auch für Komponenten mit strategischen Rohstoffen). Die EU-Kommission kann zukünftig verbindliche Risikominderungsmaßnahmen festlegen. Weiterhin gibt es eine Ausweitung der Anforderungen wie Kennzeichnung und Informationspflicht, Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteil auf weitere Produkte mit Permanentmagnet (z. B. Festplatten, Sensoren, Drohnen, Spielzeuge) und neue Kennzeichnungs-, Verpackungs- und Recyclingpflichten, insbesondere für seltene Erden in Permanentmagneten und den Einbezug von Produktionsabfällen (Pre-Consumer Waste) in Recycling- und Dokumentationspflichten.
Dr. Sascha Dargazanli vom Umweltministerium NRW gab einen Einblick in aktuelle Entwicklungen bei der grenzüberschreitenden Abfallverbringung. Ab dem 21. Mai 2026 greift die neue EU-Abfallverbringungsverordnung (EU) 2024/1157, die die digitale Abwicklung von Abfalltransporten innerhalb der EU durch das System DIWASS vorschreibt, der neue Kanal für den elektronischen Informationsaustausch für Sendungen innerhalb der EU. Es umfasst sowohl das Notifizierungsverfahren als auch den Anhang VII für Abfälle der sogenannten „grünen Liste”. Die neue Verordnung soll eine Auslagerung von Abfallproblemen aus der EU in Drittländer verhindern, ein besseres Vorgehen gegen illegale Abfallverbringungen und intensivere Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsstaaten ermöglichen, die Steigerung des Recyclings innerhalb der EU und den EU-Binnenmarkt stärken sowie einer strategischen Abhängigkeit im Bereich von Rohstoffimporten aus Drittstaaten entgegenwirken.
Diskutiert wurden befürchtete praktische und technische Umsetzungshindernisse mit Blick auf DIWASS, dabei hat Deutschland im Rahmen der Länderarbeitsgruppe GADSYS (LAG GADSYS) eine vorgezogene Anmeldungsmöglichkeit für DIWASS geschaffen, um so die Registrierung der Wirtschaftsbeteiligten frühzeitig beginnen zu können (ab KW 12, Informationen dazu über gadsys.de). Thematisiert wurde zudem die Herausforderung, die gesetzlich vorgeschriebene Sammelquote von 65 % zu erreichen. Als Ursachen nannten die Teilnehmenden zum einen die Berechnungsmethode (Verhältnis der gesammelten Gerätemasse zur durchschnittlichen Masse der in den drei Vorjahren in Verkehr gebrachten Elektrogeräte). Zum anderen wurden ineffektive bzw. veraltete Sammelsysteme identifiziert, darunter teils verbraucherunfreundliche kommunale Sammelhöfe, unzureichend umgesetzte Thekenmodelle, mangelhaft funktionierende Rücknahmesysteme im Handel sowie fehlende Anreiz- und Informationsangebote für Verbraucherinnen und Verbraucher.
Wie geht es weiter?
Das 4. Treffen findet am 08.07.2026 bei der Vorwerk Elektrowerke GmbH & Co. KG in Wuppertal statt.
Über das Dialogformat
Die Elektronikindustrie im B2B (Business-to-Business) sowie im B2C (Business-to-Consumer) Bereich spielt in NRW eine wichtige Rolle. Nicht nur sind Elektronikprodukte eine der am schnellsten wachsenden Produktgruppen. Auch wächst damit gleichzeitig der Elektronikabfall, während die Sammlung, das Recycling sowie die Wiederverwertung von elektronischen Produkten und Komponenten nach wie vor unzureichend sind. Hinzu kommt, dass ein Teil der Grundrohstoffe in der Elektronikbranche perspektivisch knapp und dadurch auch immer teurer werden. Daneben kommen auf die Branche umfassende gesetzliche Anforderungen zu, wie z.B. die Ökodesignrichtlinie, das Recht auf Reparatur, WEEE (Waste of Electrical and Electronic Equipment - Elektro- und Elektronikgeräte-Abfall) oder das ElektroG (Elektro- und Elektronikgerätegesetz). Aufgrund dieses Spannungsfeldes bietet der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft einerseits eine Reihe von Zukunftsperspektiven für die Branche in NRW, andererseits steht diese vor einer Vielzahl von Herausforderungen, die einzelne Unternehmen nicht allein bewältigen können.
Ziele des Dialogformats sind auf strategischer Ebene die Entwicklung eines Zielbildes und eines gemeinsamen Weges von Wirtschaft und Politik für die Branche mit Blick auf NRW.
Das Dialogformat „Klartext und Anpacken auf dem zirkulären Transformationsweg in der Elektronikbranche“ ist eine gemeinsame Initiative des Umwelt- und des Wirtschaftsministeriums NRW und wird von InnoZent OWL e.V. (Projekt CE:FIRE) und INZIN e.V. inhaltlich und organisatorisch begleitet.
Das Projekt CE:FIRE zirkulär.frugal.regenerativ wird mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union und des Landes NRW durchgeführt.
Ansprechpartnerin
Ulrike Künnemann
Projektleitung | Zirkuläre Wertschöpfung, Digitalisierung, Projektentwicklung
Telefon: +49 5251 2055 - 915