Nachbericht: 2. Treffen der Austauschplattform zirkuläre B2B Elektronik

Die Diskussion zur zentralen Frage „Wie können Elektronikkomponenten und deren Rohstoffe tatsächlich in Kreisläufen geführt werden?“ wurde mit 19 Vertreter:innen von Elektronikherstellern, Entsorgern, Verbänden sowie Wissenschaft & Forschung beim 2. Treffen der Austauschplattform für zirkuläre Business2Business (B2B) Elektronik am 01. Dezember 2022 bei der Weidmüller Interface GmbH & Co. KG in Detmold fortgeführt. 

Die Weidmüller Interface GmbH & Co. KG ist auf dem Gebiet der elektrischen Verbindungstechnik und Elektronik aktiv und mit ihren Produkten überwiegend im Maschinenbau, der Prozessindustrie, der Energiegewinnung und erneuerbaren Energien, der Verkehrstechnik, der Gebäudeinfrastruktur und im Bereich der Gerätehersteller vertreten. Das Unternehmen verfügt über Produktionsstätten, Vertriebsgesellschaften und Vertretungen in 80 Ländern. Im Geschäftsjahr 2022 erzielte Weidmüller einen Umsatz von über einer Milliarde Euro mit weltweit über5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. 
 

Die Reihenklemmen bei Weidmüller werden aus einem Kunststoffgranulat gefertigt, dem zum Teil wiederverwertete Materialien zugeführt wurden. 
Foto: Weidmüller Gruppe

Auch Weidmüller als Familien-Unternehmen bekennt sich seit vielen Jahren zum Thema Nachhaltigkeit. „Wir alle sind gemeinsam gefordert, zur nachhaltigen und umsichtigen Entwicklung unseres Umfeldes und unseres Unternehmens beizutragen – zu einer Entwicklung, die positiv zum Fortschritt beiträgt, die Herausforderungen unserer Zeit berücksichtigt und kommende Generationen einbindet“, formuliert Volker Bibelhausen, Vorstandssprecher und Technologievorstand von Weidmüller die Vision für das Unternehmen. 

Nach einem spannenden Rundgang durch die Produktion ging es mit dem Austausch darüber weiter, wie sich zirkuläre Lösungen in der Praxis tatsächlich umsetzen lassen. 


Zirkulärer Wertschöpfungsprozess

Bild: InnoZent OWL e.V.

Drei Impulse legten einen Fokus auf den Stand von Wissenschaft und Technik im Design von Elektronikbaugruppen sowie auf das umweltgerechte Recycling im Zirkulären Wertschöpfungsprozess und eröffneten den Raum für weiterführende Diskussion.

Design, Schlüssel zum Erfolg?
Der erste Impuls von Dr.-Ing. Christoph Jürgenhake vom Fraunhofer IEM in Paderborn gab einen Überblick über die Regularien und Initiativen der zirkulären Produktentwicklung. Es wurde dargestellt, dass die umweltorientierte Produktverantwortung der Hersteller bislang begrenzt war, nun durch z.B. EU-Umweltgesetzgebung wie u.a. die Eco-Design for Sustainable Products Directive zwingend notwendig wird. Damit wird das Produktdesign anspruchsvoller und es können wirtschaftliche und technische Zielkonflikte entstehen. Unternehmen müssen diese Zielkonflikte durch ökologisch begründete Designentscheidungen und Lebenszyklusorientierte Geschäftsmodell managen. Die zirkuläre Produktentstehung berücksichtigt dieses Wirtschaftsmodell und leitet konkrete Maßnahmen und Methoden für die Produktentstehung ab. Ziel ist es, Unternehmen und Entwickler ganzheitlich zu befähigen, Produkte für die Kreislaufwirtschaft zu entwickeln. Dieser Prozess wird aktuell durch das Projekt ZirkuPro entwickelt, an dem u.a. zwei der teilnehmenden Unternehmen (Miele und CP contech) beteiligt sind. 

Im zweiten Impuls führte Professorin Eva Schwenzfeier-Hellkamp vom Institut ITES der Fachhochschule Bielefeld in das Thema Design Prinzipien mit nützlichen Tools wie die R-Strategien und die Value Pyramide ein. Sie stellte mögliche DesignPrinzipien, wie z.B. Design for Durability, Standardization and Compatibility, Product Attachment and Trust, Ease of Maintenance and Repair, Disassembly and Reassembly, Recycling sowie Upgradability and Adaptability vor. Konkrete Beispiele der Design-Prinzipien, wie z.B. eine LED-Leuchte als angewandtes Forschungsbeispiel des Instituts ITES für das Design for Ease of Maintenance and Repair, untermauerten, dass es sinnvoll und möglich ist, sich auf den Weg des zirkulären Designs zu machen. 
 

Bild: Fachhochschule Bielefeld

Beide Beiträge aus der Wissenschaft zeigten auf, dass das Design ein Schlüssel zum Erfolg der zirkulären Elektronik, insbesondere für neue Produkte, ist. 

Umweltgerechtes Recycling möglich?
Im dritten Impulsvortrag stellte Dr. Frank Rudolph von der Hennemann Umweltservice Elektronik GmbH in Espelkamp das Ablaufschema der Behandlung von Elektroschrott dar. Am Beispiel eines elektronischen Preisetiketts konnten die Herausforderungen der Recycler sehr deutlich aufgezeigt werden. So handelt es sich hier um ein „low price“ Produkt, dessen Wertstoffgehalt, wie in vielen Fällen, nicht bekannt ist. Eine manuelle Entnahme der enthaltenen Lithiumbatterie würde zu hohen unwirtschaftlichen Kosten führen. Die Platine bzw. das Display ist nur schwer entnehmbar, ebenso die Einstufung ihres Wertgehalts. Weiterhin ist nicht erkennbar, ob die Kunststoffteile Flammenhemmer enthalten. Während das Recycling von Metallen noch relativ problemlos möglich ist, ist das Recycling von Kunststoffen nach wie vor schwierig. Für eine wirtschaftliche, tragfähige Verwertung ist eine definierte, sortenreine Qualität erforderlich, die im Rahmen der aktuellen Prozesse jedoch eher selten vorzufinden ist bzw. realisiert werden kann.

Weiterführende Diskussion
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass sich alle Akteure derzeit in einer Situation mit vielen Zielkonflikten und Abhängigkeiten befinden. Für die Elektronikhersteller gibt es zunehmende gesetzliche Anforderungen, die teilweise noch nicht gut aufeinander abgestimmt sind, wie z.B. die Verbindung zwischen Produkt- und Abfallrecht. Auf der Kundenseite gibt es erste Nachfragen, aber in Teilen auch gegensätzliche Entwicklungen wie z.B. den weiteren Trend zu einer Miniaturisierung, der einer Reparierbarkeit eher entgegensteht. Auch die Zahlungsbereitschaft für Reparaturmöglichkeiten halten sich noch in engen Grenzen. Andererseits sind Recyclingansätze auch abhängig von der jeweiligen Branche. So werden z.B. in der Automobilindustrie alte Linien in ihrer Gänze abgebaut und ausgeschlachtet. Eine Empfehlung ist auf jeden Fall, mit der Zirkularität nicht bei den günstigsten Produkten zu beginnen, sondern bei den hochpreisigen, die eine Werthaltigkeit auch ermöglichen.
Einzelne Unternehmen können diese Herausforderungen nicht allein lösen. Die Frage ist, 

  • wie gemeinsame Wertschöpfungsnetzwerke entstehen können, 
  • wie Herausforderungen durch Forschung und Entwicklung gemeinsam angegangen wer-den können,
  • wie eine Region sich gemeinsam auf den Weg machen kann und 
  • wie Landes- und Bundespolitik hier unterstützen kann. 
     

Bild: InnoZent OWL e.V. 
Dr.-Ing. Christoph Jürgenhake, Fraunhofer IEM; Achim Schier, HARTING Stiftung & Co. KG; Dr. Eberhard Niggemann, Weidmüller Interface GmbH & Co. KG; Ulrike Künnemann, InnoZent OWL e.V.; Sven Pfeiffer, CP contech electronic GmbH; Tobias van der Beck, Miele & Cie. KG; Marco Henke, WAGO GmbH; Nora Schäfer, Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes NRW; Mark Edler, Weidmüller Interface GmbH & Co. KG; Prof. Dr.-Ing. Eva Schwenzfeier-Hellkamp, Fachhochschule Bielefeld; Ralf Puschmann, dSPACE GmbH; Cornelius Laaser, Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes NRW; Dr. Florian Klein, Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes NRW; Michael Kemkes, InnoZent OWL e.V.; Dr. Frank Rudolph, Hennemann Umweltservice Elektronik GmbH; Dr. Christian Thiehoff, Institut für Energie- und Umwelttechnik e.V.; Karsten Baum, CTDI Schloss Holte GmbH; Dr. Sebastian Gerke, CAYAGO TEC GmbH
virtuell dabei: Michael Beetz, Hellmann Process Management GmbH & Co. KG


So geht es weiter
Das 3. Treffen der Austauschplattform zirkuläre B2B Elektronik findet am 14. Februar 2023 bei der HARTING Stiftung & Co. KG in Espelkamp statt. Im Vorfeld gibt es die Möglichkeit der begrenzten Teilnahme an zwei parallel stattfindenden Führungen - in der Erstbehandlungsanlage der Hennemann Umweltservice Elektronik GmbH sowie in der HARTING Stiftung. Eine Zielsetzung des nächsten Treffens ist es, „ins Tun“ zu kommen und gemeinsame Initiativen mit gemeinsamen Entwicklungsvorhaben, wie Zirkularität verstärkt werden kann, anzustoßen.

Zielsetzung der Austauschplattform zirkuläre B2B Elektronik ist es,

  1. die relevanten Akteursgruppen für den Bereich zirkuläre B2B Elektronik auf NRW-Ebene zu identifizieren, anzusprechen, ihre Themen sichtbar zu machen und sie zu vernetzen,
  2. zukünftige politische und gesetzliche Herausforderungen mit Blick auf die Circular Economy im industriellen Elektronikbereich zu identifizieren und zu „übersetzen“,
  3. Förder- und Beratungsmöglichkeiten transparent zu machen, 
  4. sinnvolle nächste Schritte für und mit den betroffenen Partnern zu identifizieren sowie einen Aktionsplan für zirkuläre B2B Elektronik in NRW zu erarbeiten.

Die Austauschplattform ist eine gemeinsame Initiative von InnoZent OWL e.V., der Fachhochschule Bielefeld und den Ministerien für Umwelt, Naturschutz und Verkehr sowie für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen des Runden Tisches Zirkuläre Wertschöpfung NRW und CirQuality OWL.Das Vorhaben Cirquality OWL wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie vom Land NRW gefördert.
Ansprechpartnerin: Ulrike Künnemann

v.l. Michael Kemkes, InnoZent OWL e.V.; Prof. Dr. Ingeborg Schramm-Wölk, Fachhochschule Bielefeld; Ulrike Künnemann, InnoZent OWL e.V.; Prof. Dr.-Ing. Eva Schwenzfeier-Hellkamp, Fachhochschule Bielefeld; Cornelius Laaser, Ministerien für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes NRW (MUNV NRW) 
Bild: FH Bielefeld/S. Jonek

Das Vorhaben Cirquality OWL wird aus den Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie vom Land NRW gefördert.